Inhalt: Das liest du hier
Was der Unterschied ist – und warum beide Begriffe dasselbe meinen
Die Überfettung gehört zu den absoluten Grundlagen beim Seifensieden. Trotzdem sorgt sie immer wieder für Unsicherheit, vor allem seit in den letzten Jahren vermehrt ein neuer Begriff in Foren und Siedegruppen auftaucht: Laugenunterschuss, oder manchmal auch Unterlaugung.
Was steckt dahinter? Ist das etwas anderes – oder nur ein neues Wort für ein bekanntes Prinzip?
In diesem Artikel schauen wir uns an, was Überfettung und Laugenunterschuss bedeuten, warum beide Begriffe existieren und welcher davon für die Praxis wirklich relevant ist.
Was bedeutet Überfettung (ÜF) beim Seifensieden?
Die Überfettung beschreibt den Anteil an Ölen und Fetten, der nicht verseift wird und nach der Verseifung frei in der Seife verbleibt.
Beim Seifensieden reagiert die Lauge mit den Fetten und Ölen. Wird mehr Fett eingesetzt, als die vorhandene Lauge vollständig verseifen kann, bleibt ein Teil davon übrig. Genau dieser Anteil wird als Überfettung bezeichnet. Dieser Überschuss an an Fetten und Ölen dient auch als Sicherheitsfaktor, damit in der Seife kein freihes NaOH mehr vorhanden, durch den die Seife zu scharf werden könnte. Auch kleinere Rechen- oder Wiegefehler können somit ausgeglichen werden.
Die Überfettung hat einen großen Einfluss auf die Eigenschaften der Seife:
- sie macht die Seife milder
- sie lässt die Seife rückfettend wirken
- sie beeinflusst das Hautgefühl beim Waschen
Typische Überfettungen liegen je nach Verwendungszweck unterschiedlich hoch:
- etwa 5 – 9% für Hand- und Duschseifen (ich siede meist mit 9%)
- höhere Werte für besonders milde oder pflegende Seifen
- sehr niedrige oder keine Überfettung bei Haushaltsseifen
Damit ist die Überfettung eines der wichtigsten Stellschrauben beim Seifenrezept, mit der du gezielt beeinflusst, wie pflegend oder „reinigungsstark“ deine Seife wird.
Warum der Begriff Überfettung eigentlich nicht ganz korrekt ist
Auch wenn der Begriff seit Jahren gebräuchlich ist, beschreibt er den Vorgang nur ungenau. Denn streng genommen wird die Seife nicht überfettet, sondern unterlaugt:
Beim Rechnen eines Seifenrezepts wird nicht mehr Fett hinzugefügt, sondern bewusst weniger Lauge verwendet, als für eine vollständige Verseifung nötig wäre. Das überschüssige Fett entsteht also durch eine reduzierte Laugenmenge.
Genau an diesem Punkt setzt der Begriff Laugenunterschuss an.
Historisch gewachsen
Der Begriff Überfettung stammt aus einer Zeit, in der man beim Seifensieden noch von einer anderen Reaktionsweise ausgegangen ist: In älteren Rezepten findet man häufig den Hinweis, ein besonders pflegendes Öl gezielt zurückzuhalten und erst ganz zum Schluss, nach dem Emulgieren, zum Seifenleim zu geben. Dieses sogenannte Überfettungsöl sollte dafür sorgen, dass genau dieses eine Öl unverseift in der fertigen Seife enthalten bleibt.
Heute weiß man, dass diese Annahme so nicht zutrifft. Beim Kaltverseifen läuft der Verseifungsprozess nicht sofort ab, sondern erstreckt sich über viele Stunden. In dieser Zeit reagieren Lauge und Fette nach dem Zufallsprinzip miteinander. Es ist daher im Cold-Process-Verfahren nicht möglich, gezielt ein bestimmtes Öl von der Verseifung auszunehmen – das funktioniert so nur bei der Heißverseifung.
Was versteht man unter Laugenunterschuss (LU)?
Unterlaugung bedeutet, dass einem Seifenrezept weniger Lauge zugeführt wird, als rechnerisch notwendig wäre, um alle Fette vollständig zu verseifen.
Das Ergebnis ist identisch zur Überfettung:
- ein Teil der Fette bleibt unverseift
- die Seife wird milder
- es verbleibt ein pflegender Fettanteil
- Sicherheitsfaktor
Der Unterschied liegt also nicht im Resultat, sondern in der Betrachtungsweise.
Übrigens: Statt Laugenunterschuss ist mir auch schon der Begriff Unterlaugung begegnet – gemeint ist dasselbe.
Warum der Begriff Laugenunterschuss heute häufiger verwendet wird
In den letzten Jahren wird in Büchern, Foren und Siedegruppen zunehmend von Laugenunterschuss gesprochen. Das hat mehrere Gründe:
- der Begriff ist chemisch genauer
- er macht deutlich, dass das Verhältnis Fettanteil-Lauge über die Lauge gesteuert wird
- er vermeidet Missverständnisse bei der Rezeptberechnung
Gerade im fortgeschritteneren oder professionellen Kontext setzt sich daher das Wording Laugenunterschuss immer stärker durch. Bei mir im Blog wirst du aber auch noch die „alte“ Version Überfettung finden. Oder ich nenne in Rezepten beide Begriffe und schreibe ÜF/LU.
Mein Lesetipp für alle, die tiefer eintauchen wollen: Petra Neumann hat in ihrem Buch Seife Sieden die chemischen Abläufe beim Verseifen aufs Molekül genau beschrieben und die hier beschriebenen Begrifflichkeiten ein für alle mal klar abgesteckt. Besser erklären als sie kann es kaum jemand.
Welcher Begriff ist beim Seifensieden sinnvoll?
Für die Praxis gilt: Beide Begriffe beschreiben dasselbe Prinzip. Der Unterschied liegt nur in der Betrachtungsweise. Im Hobbybereich und in vielen Seifenrechnern ist die Überfettung weiterhin der gängigste Begriff. Er ist leicht verständlich und hat sich über Jahre etabliert.
Und welchen Begriff solltest du verwenden? Ganz ehrlich? Beides ist völlig okay. Entscheidend ist nicht die Bezeichnung, sondern dass du verstehst, wie die Seife berechnet wird.
Fazit: Zwei Begriffe, ein Grundprinzip
Überfettung und Laugenunterschuss sind keine Gegensätze, sondern zwei Blickwinkel auf denselben Vorgang: Beim Seifensieden wird bewusst mit weniger Lauge gearbeitet, damit ein Teil der Fette unverseift bleibt und die Seife milder wird.
Für deine Seife zählt am Ende nur:
- Wie mild soll sie sein?
- Wie hoch ist der unverseifte Fettanteil?
Wenn du dieses Prinzip verstanden hast, kannst du die Eigenschaften deiner Seifen gezielt steuern – unabhängig davon, welchen Begriff du verwendest.
